Bereits von Kindesbeinen an scheint das Leben vorprogrammiert. Es gleicht einer asphaltierten Straße, von der man sich mal für kurze Zeit über eine Seitenstraße entfernen kann, aber im Grunde wird einem die Richtung und Fahrweise bereits von Kleinauf eingeimpft. Grundschule, weiterführende Schule, Ausbildung oder Studium und dann bestenfalls ein Beruf, der einem über etwa vierzig Jahre nicht nur möglichst gute Einkünfte einbringt, sondern auch noch eine ausreichende Vorsorge für das Alter ermöglicht. 

Sicherheit steht dabei an oberster Stelle. Man möchte sicher wohnen, arbeiten und reisen, sozial und finanziell abgesichert sein, im Streit- oder Notfall auf professionelle Hilfe zurückgreifen können, einen festen Freundeskreis haben und ein sicheres Nest daheim, in das man sich in allen nur erdenklichen Fällen immer zurückziehen kann. Die meisten dieser Punkte haben nur einen Haken: sie kosten Geld! Allein das Rundum-Wohlfühlpaket Wohnen sowie jegliche Art von Versicherung und Absicherung lässt überhaupt keinen Zweifel daran, dass man an einer Sache nicht vorbeikommt: Arbeiten und Geld verdienen!

Wie auch immer die 40-Stunden-Woche entstanden ist – man wächst vollautomatisch in sie hinein. Und in der Zeit der Superlative reicht vielen selbst dieses Limit nicht aus, die bis zu 70 Stunden oder mehr im Büro verbringen und damit ihrem Job den 1. Platz auf der Prioritätenliste ihres Lebens geben. Ich war eine davon. Es hatte normal begonnen, dann wuchs das Unternehmen ebenso schnell wie meine Verantwortung und obwohl mein Körper Warnmeldungen abgab, reagierte ich nicht. Ein super Gehalt ermöglichte mir kostspielige Reisen – rückblickend das einzige, an das ich mich heute in dieser Zeit erinnern kann.

Reißleine gezogen und dann freier Fall

Vor 3 1/2 Jahren habe ich mich von diesem schnellen und sehr einseitigen Lebensstil getrennt. Ich verabschiedete mich von meiner viel zu großen Wohnung und freute mich auf ein anderes Leben – zunächst mal ohne Job und mit einem Geldbetrag, der mich mindestens 1-2 Jahre gut und sorgenfrei über Wasser halten würde. Frei wie ein Vogel auf Weltreise gehen, mich auf Sinnsuche begeben und mich vom Leben überraschen lassen gehörten ab sofort zu meiner Devise.

Die Weltreise war aufregend. Unterwegs fiel mir immer wieder auf, wie schwer das Entschleunigen und Runterfahren nach mehr als zehn Jahren täglichem Dauerbrennen fiel. In meinem Kopf war eingebrannt, ab jetzt aus jedem Tag etwas ganz Besonderes machen zu wollen, nur war mir nicht bewusst, dass auch das extrem anstrengend ist. Die Zeiger der Uhr drehten sich dennoch nach und nach langsamer, wodurch eine neue Tür aufging.

Während ich früher wie ein kleines Aufzieh-Männchen nahezu mechanisch meinen Tag bestritt, kamen nun langsam Kreativität und Enthusiasmus zurück. Ich konnte wieder Tage wie in meiner Kindheit erleben: Sorgenfrei, ohne Druck und voller Leidenschaft. Auch ließen mich Werbeslogans und Trends kalt, denn ich hatte nicht mehr das Gefühl, dringend etwas haben oder kaufen zu müssen. Ich brauchte keine Geräte oder Hilfsmittel mehr, die mein Leben einfacher oder (vermeintlich) bequemer machen sollten.

Das neue Leben 2.0:
Ausgaben minimiert, Zeit maximiert, Leben bereichert

Wie stark wir tatsächlich “programmiert” sind, erfährt man, wenn sich das anfängliche Glücksgefühl – endlich viel Zeit zu haben – nach einer Weile in Unruhe verwandelt. Man kann als Erwachsener doch nicht einfach so in den Tag hineinleben, sagt der Verstand. Man muss doch etwas tun, also irgendeine Leistung erbringen. Was sollen andere über mich denken? Bin ich gesellschaftlich überhaupt noch anerkannt, wenn ich nicht genauso arbeite, konsumiere und lebe wie andere?

Dem noch nicht genug fallen noch viele weitere Automatismen auf. Wir lernen 3x am Tag zu essen und wann wir aufstehen und ins Bett gehen sollen. Aufgrund unseres Frusts, so viel arbeiten zu müssen, möchten wir uns regelmäßig für dieses harte Los belohnen und brauchen zudem immer mehr Bequemlichkeit, um es uns in unserem harten Alltag so einfach und angenehm wie möglich zu machen. Aber kann dieses Pauschal-Konzept wirklich für jeden das Richtige sein?

Mit meinem schlechten Gewissen, regelmäßig etwas tun zu müssen für meinen Lebensunterhalt und natürlich für meine Rente, kämpfe ich nun seit über drei Jahren. Mit viel Geduld erkläre ich meinem Verstand jedes Mal, dass es niemanden auf dieser Welt gibt, der mir vorschreiben kann, was richtig für mich ist – außer ich selbst! Daher sieht mein Alltag heute völlig anders aus als früher:

  • Schlafen: Ich stehe auf, wenn mir danach ist. Manchmal kann das um 6 Uhr morgens sein, manchmal auch erst um halb neun, wenn es im Winter gerade hell wird. Gleiches gilt für das Einschlafen: es gibt keine Regeln. Ich schlafe heute mehr als früher und bin tagsüber immer hellwach und maximal aufnahmefähig.
  • Natur: Ich verbringe viel Zeit mit meinem Hund im Wald und am Wasser – mindestens je eine Stunde morgens und abends.
  • Essen: Ich esse nur dann, wenn ich Hunger oder Appetit habe. Kein Ernährungsratgeber kann besser wissen als ich, was mein Körper braucht und was ihm gut tut. Daher kommt beim Einkauf auch nur das in den Korb, was sich gerade gut anfühlt. Ich esse kein Fast Food, sondern ernähre mich bewusst, ohne dass es viel Aufwand kostet. Eine gewaltfreie Ernährung (vegan) sorgt zudem für ein besseres Lebensgefühl.
  • Arbeiten: Inzwischen basiert meine Arbeit auf 100% Kreativität. Schreiben, Gestaltung von Blogs und Webseiten, Fotografieren usw. Alles davon macht mir sehr viel Spaß und ist frei von jeglichen negativen Emotionen. Ich arbeite zwischen 2-8 Stunden am Tag, also durchschnittlich vielleicht 5 Stunden. Drei Wochen im Quartal arbeite ich darüber hinaus fest für ca. 6 Stunden täglich in einem Büro, womit ich mir einen Teil meines Lebensunterhaltes sichere.
  • Leben allgemein: Es gibt weder Druck noch Tagespläne. Stress ist ein Fremdwort geworden und ich liebe es, im Dialog den Satz »Kein Problem, ich habe Zeit!« auszusprechen. Man kann es glauben oder nicht, aber ich habe selbst heute noch täglich Glücksgefühle allein aus dem Grund, dass ich den Tag genauso gestalten kann, wie ich es gerade möchte.
  • Wohnen: Da die eigene Unterkunft die höchste finanzielle Verpflichtung monatlich darstellt, habe ich mich bis heute dagegen entschieden und lebe einen recht guten Kompromiss, wie ich in diesem Artikel beschrieben habe. Das ist keine Dauerlösung, aber solange ich viel freie Zeit haben und wenig arbeiten möchte, werde ich es so beibehalten.
  • Einkaufen: Viel wichtiger als Wohnen sind für mich gute Lebensmittel geworden. Ich kaufe fast nur Bio und lege Wert auf hochwertige Nahrungsmittel und Naturkosmetik. In Bezug auf Kleidung entscheide ich mich fast immer für langlebige und möglichst zeitlose Artikel. Zu Hause arbeitend brauche ich keine Berufskleidung, weshalb der Bedarf – neue Sachen kaufen zu müssen – sehr gering ist.
  • Reisen: Seitdem mein Alltag so entspannt ist und es mir an nichts fehlt, muss ich nicht mehr ausbrechen und mir Freiheit in Form eines Urlaubes sozusagen erkaufen. Es gibt noch viele Länder, die ich gerne sehen und bereisen möchte, aber das hat Zeit. Zum einen komme ich durch Pressereisen zu sehr schönen Zielen, zum anderen liebe ich das Erkunden von Europa mit meinem VW Bus zusammen mit meinem Hund. Insgesamt bin ich im Jahr etwa 2-3 Monate unterwegs.
  • Lernen: Um mich persönlich weiterzuentwickeln, habe ich mich für eine mehrjährige Ausbildung zur Kommunikationstrainerin für wertschätzende Kommunikation (GfK) entschieden. Sie findet in Bausteinen statt, wodurch ich mich zwar in regelmäßigen Abständen weiterbilde, aber in meinem Alltag nicht beeinträchtigt bin. Diese Ausbildung mache ich nur für mich, also ohne Perspektive auf einen Berufswechsel.

Ein lohnenswertes Experiment: Dem Leben vertrauen!

In den vergangenen Jahren habe ich die verschiedensten psychologischen und spirituellen Ratgeber gelesen und noch mehr Hörbücher zu den Sinnfragen der heutigen Zeit gehört: Was macht mein Leben aus? Was will das Leben von mir? Was ist meine Berufung? Am Ende kommt fast immer das gleiche Ergebnis heraus: Ich soll auf mein Herz hören! Hierfür muss man allerdings erst einmal lernen, die Stimme des Herzens und des Verstandes voneinander unterscheiden zu können – und das ist gar nicht so einfach.

In meinem Fall versucht sich der Verstand bis heute hartnäckig durchzusetzen: Ich soll mehr und schneller arbeiten, mehr Geld verdienen, meinen Idealismus ablegen, eine Wohnung haben, für mein Alter vorsorgen, für eventuelle finanzielle Notfälle gewappnet sein, häufiger zum Arzt gehen usw. Mein Herz wiederum ist da völlig anders: Ich soll das Leben genießen, mich für die schönen Dinge des Lebens öffnen und darauf vertrauen, dass ich vom Leben getragen werde und keine Angst zu haben brauche. Alles kommt zur richtigen Zeit.

Seitdem ich mich auf dieses Experiment – einfach zu vertrauen – eingelassen habe, fügt sich vieles ganz automatisch. Während ich früher davon ausging, dass viel auch viel hilft, gestaltet es sich heute für mich völlig anders. Je weniger ich aktiv handle und je mehr ich in Ruhe und Stille bin, umso mehr passiert um mich herum. Ein Verlag kommt auf mich zu und möchte ein Buch mit mir veröffentlichen. Kurze Zeit später folgt die Anfrage eines weiteren Verlages für ein anderes Buch. Und schon ist damit ein halbes bis ganzes Jahr abgesichert und das mit einer Arbeit, die mich erfüllt und mir Freude macht.

Relation Arbeit / Freizeit – Was ist richtig für mich?

Die Antwort darauf kann einem keiner besser geben als man sich selbst. Die Stimme des Herzens ist dabei so wichtig, weil sie einem den richtigen oder besten Weg weist. »Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt.«, heißt es. Der Verstand kann uns mit Vernunft und sachlichen Ratschlägen, die meist auf Sicherheit und Schutz beruhen, gute Dienste leisten, aber er führt uns nicht zu unserer persönlichen Erfüllung, Liebe und Freude.

Wenn man also zum Beispiel unzufrieden oder unglücklich in seinem Job oder in seiner Beziehung ist, sollte man keine Zweifel daran haben, dass eine Veränderung der Situation sinnvoll wäre. Wir sind nicht auf die Welt gekommen, um dauerhaft zu leiden oder uns schlecht zu fühlen, sondern um Fülle zu erleben. Dieses vorprogrammierte Lebensprogramm kann nicht für jeden Menschen gut sein und deshalb sollte man sich die Zeit nehmen, sich genauer kennenzulernen und auf seine Bedürfnisse und Sehnsüchte zu achten.

Gleichzeitig macht es Sinn, nicht alles so langfristig zu sehen. Ich für meinen Teil finde mein Leben zum Beispiel momentan wunderbar – genauso wie es ist. Dennoch weiß ich, dass es auch wieder eine Veränderung geben wird. Wie diese aussehen wird, weiß ich nicht, aber es wird so sein. Hierfür muss auch ich in mich hinein hören und mich fragen, wo meine Sehnsüchte für die Zukunft liegen. Wo will ich hin? Was würde mich noch glücklicher machen? Wie könnte das aussehen?

Der beste Weg ist der eigene Weg!

Veränderung von Lebensgewohnheiten macht vielen Menschen Angst. Könnte man wirklich mit mehr Freizeit und weniger Geld glücklicher sein? Wenn das Herz zum Beispiel sagt, dass es sich nach Ruhe sehnt, wäre davon auszugehen. Viele haben in ihrer Kindheit eingebrannt bekommen, dass man Geld im wahrsten Sinne des Wortes nur dann verdient, wenn man auch hart dafür arbeitet. Das ist allerdings nur ein Glaubenssatz, denn jeder hat eigentlich das Beste verdient – und das muss nicht zwingend schwer zu erreichen sein.

Je zufriedener und erfüllter man ist und je besser man für sich selbst sorgt, umso weniger wird man Geld, Konsum, andere temporäre Glücklichmacher und Erfolg oder Anerkennung durch andere brauchen.

Es braucht Zeit und Geduld, sich nicht mehr nur von seinem Verstand leiten zu lassen, seinem Herz mehr Gehör zu schenken, sich von eingefahrenen Glaubenssätzen zu befreien und von diesem vorgefertigten 0815-Pauschalweg abzukommen und eigene Wege zu gehen. Daher möchte ich jedem, der sich auf der Suche befindet oder in seiner aktuellen Situation nicht glücklich ist, empfehlen sich auf den Weg zu begeben. Dafür muss man nicht alles aufgeben und nochmal von vorn anfangen. Es genügen bereits kleine Schritte, mit denen man sich nach und nach einem erfüllenderen Lebensstil annähern kann.

 

Buch- und Hörbuchempfehlungen:

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14 Kommentare

  1. Hallo Ute!

    Die gleichen Gedanken beschäftigen mich auch seit einiger Zeit. Eigentlich seit einer großen Lebens- und Sinnkrise. Die Lösung war in der Tat, sich stärker auf sich selbst zu besinnen. Ich finde es sehr gut, dass Du immer wieder darauf hinweist man solle nicht die Ratschläge aus Ratgebern und Blogs abkupfern und nachleben sondern, dass jeder seinen eigenen Weg finden muss. Tipps kann man immer brauchen, aber es gibt keine Blaupause für ein gutes Leben.

    Ich nehme mir seit ca. 3 Jahren auch etwas mehr Zeit für mich und verbringe weniger Zeit im Büro. Ich habe das große Glück bei meinem Arbeitgeber Gehaltsbestandteile in Freizeit umwandeln zu können. Das ist ein sehr flexibles Modell und ich kann ganz nach Bedarf zusätzlichen Urlaub einplanen. Momentan fällt es mir schwer den ungeliebten Job ganz aufzugeben, da er gutes Geld bringt und mir dieses Zeitkonto-Modell große Vorteile bringt. Ich plane eigentlich auf die finanzielle Unabhängigkeit hin. Das sist aber nicht so ganz einfach da man heutzutage kaum gute Renditen erzielen kann. Weniger ausgeben ist da die einzige Möglichkeit, aber natürlich nicht um jeden Preis. Das Ziel eines besseren Lebens und mehr Freizeit soll natürlich auch nicht aus den Augen verloren werden. Insofern ist es eine Gratwanderung. Andererseits sind schöne Erlebnisse ja nicht unbedingt auch kostenintensiv und Reisen kann man auch recht günstig, z.B. mit dem Camper 🙂

    Der komplette Absprung vom Job fällt mir aber auch aus anderen Gründen schwer. Ich habe mein Leben nach der Krise zwar deutlich stabilisiert, aber einen Punkt konnte ich bisher nicht klären. Das ist die Suche nach der eigenen Berufung. Das finde ich wirklich den schwersten Schritt bisher, da man sein ganzes Leben darauf getrimmt wurde Defiziten hinterher zu rennen und sich anzupassen. Die eigenen Interessen und Fähigkeiten wurden immer klein gehalten bis sie schließlich ganz verschwunden sind. Dem Herz gegenüber dem Verstand wieder mehr Raum geben ist auf jeden Fall der richtige Weg doch er scheint auch sehr lang zu sein. Jedenfalls hoffe ich, dass auch hier der Knoten irgendwann platzt.

    Liebe Grüße
    Hans-Jörg

    PS.:
    Das Zitat von Voltaire hatte ich immer dem Dalai Lama zugeordnet, den ich zu den weisesten Menschen unserer Zeit zähle.

    Der Dalai Lama wurde gefragt, was ihn am meisten überrascht; er sagte: „Der Mensch, denn er opfert seine Gesundheit, um Geld zu machen. Dann opfert er sein Geld, um seine Gesundheit wieder zu erlangen. Und dann ist er so ängstlich wegen der Zukunft, dass er die Gegenwart nicht genießt; das Resultat ist, dass er nicht in der Gegenwart lebt; er lebt, als würde er nie sterben, und dann stirbt er und hat nie wirklich gelebt.“

    • Hallo Hans-Jörg,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Ich habe einfach mal nachträglich drei Buch- bzw. Hörbuch-Empfehlungen unter den Artikel gesetzt, vielleicht ist ja etwas Passendes dabei. Mir hilft die Inspiration diesbezüglich zumindest sehr.
      Viele Grüße und frohe Festtage
      Ute

      • Super! Dankeschön!
        Schau ich mir (bzw. höre ich mir) sehr gerne an.

        Liebe Grüße und schöne Feiertage
        Hans-Jörg

  2. Das klingt alles richtig toll, Respekt für deinen Mut. Mir ging es gleich wie dir und ich habe meine Job auch für eine Weltreise gekündigt. Leider ist die Reise bald vorbei und ich muss Wieder in den Alltag zurück ich hoffe nicht auf Dauer.

    • Hallo liebe Nele,
      toll, dass du auch diesen Schritt gewagt hast! Die Rückkehr und Reintegration in den normalen Alltag empfinden viele als anspruchsvoll, aber mit den neu gewonnen Erfahrungen wirst du bestimmt heute anders wieder einsteigen als du früher gearbeitet hast 🙂 Wünsche dir noch eine schöne, restliche Reisezeit und liebe Grüße aus Deutschland, Ute

  3. Wunderbar geschrieben!

    Auch ich würde gern deutlich weniger (im Büro) arbeiten wollen und bin fest davon überzeugt, dass es mich glücklicher machen würde meinen Lebensunterhalt als Autorin, Reisebloggerin, -fotografin etc. zu bestreiten.
    Mir stellt sich dem Ganzen in den Weg, dass ich a.) keinerlei Rücklagen habe (oh wei, 1-2 Jahre Rücklagen? Dafür müsste ich noch 10 weitere arbeiten wie jetzt – ein Horror!) und b.) ich mich nicht nur mit meiner Berufung unheimlich schwer tue, sondern einfach keinerlei Ahnung habe, wie ich denn dazu komme, dass ich mit meinen Reisegeschichten oder vielleicht mit einer ausgedachten Story Autorin werde.
    Dieses fixe Modell ist so vernagt in meinem Kopf, dass ich mich bereits als Teenie für eine Ausbildung entschied, weil mir da ganz klar war, was ich hinterher damit mache. Ein Studium? Auf was kann ich mich denn damit hinterher bewerben? Da gibt es ja keine fixen Berufe, so wie bei einer Ausbildung. Das hat mich mit 19 schon so verwirrt, dass ich eben den leichteren Weg gewählt habe, einfach weil ich nicht wusste, was man denn hinterher mit Skandinavistik anstellen könnte. Tja… Jetzt, 10 Jahre später, wünschte ich mir, ich hätte damals schon etwas mehr verstanden.
    Zeitgleich grüble und grüble ich, wie ich aus diesem Gesellschaftsmodell aussteigen kann ohne eben mit nichts dazu stehen (wie es jetzt halt der Fall wäre). Denn wie man es dreht und wendet – ohne Rücklagen sehe ich da keine Chancen. Und in einem Job der mies bezahlt wird, bleibt einfach nicht viel für Rücklagen… Ein (für mich gefühlter) Teufelskreis, den ich definitiv durchbrechen muss und dass es passieren wird, weiß ich auch, nur das wann und wie steht noch in den Sternen und macht mich zeitweise ganz konfus…

    Herzliche Grüße
    Alexandra

    • Liebe Alexandra,
      deine Gedanken kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich habe damals neben meinem Vollzeitjob damit begonnen, den Reiseblog aufzubauen und wollte wissen, ob das eventuell ein Standbein werden könnte. Glücklicher Weise hat es gepasst. Wenn es nicht geklappt hätte, wäre mir andererseits klar geworden, dass es etwas anderes sein muss, das meine Bestimmung sein soll. Den Druck, den du beschreibst, kenne ich in Bezug auf das Wohnen. Aber durch Druck kommt keine Inspiration oder irgendetwas, das dir weiterhilft. Hier hat mir einfach das Annehmen der Situation geholfen – es kommt wie es kommt und hat sicher seinen Sinn. Das macht es dem Verstand wesentlich leichter 🙂 Drücke dir die Daumen, dass du einen Weg findest. Habe unter den Artikel auch noch drei Buchempfehlungen gesetzt, vielleicht hilft das eine oder andere.
      Ganz liebe Grüße und toi toi toi!
      Ute

  4. Wow, ganz toller und ehrlicher beitrag! So viele gute ansätze, die auch ich schon so oft anwende. Bei mir spielt bei dieser thematik aber auch immer die frage mit, ob der mensch nicht dafür geschaffen ist, dass er etwas sinnvolles erschaffen will und deshalb nur reine freizeit und müssiggang auch nicht gut sind, weil man sich dann nutzlos vorkommt… i guess it‘s all about balance 🙂

    • Hi Simone,
      Dankeschön und du hast vollkommen Recht: Nur Nichtstun kann einen in den Wahnsinn treiben. Es hört sich zwar toll an, aber ich denke auch, dass man im Leben eine (möglichst sinnvolle) Aufgabe braucht. Für mich steht dabei inzwischen an oberster Stelle, dass ich die Arbeit gerne mache – zumindest ist das mein Vorsatz.
      Viele liebe Grüße und Danke für deinen Kommentar
      Ute

  5. Liebe Ute,
    herzlichen Dank für diesen wunderbaren Artikel. Du sprichst mir aus der Seele! Auch wenn meine Situation anders ist, kann ich 100% nachvollziehen, was du sagst. Es tut so gut zu lesen, dass ich nicht die Einzige mit solchen Gedanken bin.
    Ich war auch sehr lange in einem Job mit viel Stress, genug Geld, aber wenig Zeit zum Leben. Das Ganze ist in einem Burnout geendet und ich bin nun dabei, mich neu zu orientieren. Ich möchte nicht mehr in das Leben zurück, was ich hatte, das mir meine Gesundheit ein gutes Stück ruiniert hat, aber irgendwovon muss man leben. Genau wie du es beschreibst lebe auch ich sehr oft in dem Konflikt zwischen dem, was mein Kopf und was mein Bauch/Herz sagt. Es gibt hier wenig Stellen in meinen Bereich, und jedes Mal, wenn ich eine finde, schreit der Kopf “Los, bewirb dich”, und der Bauch sagt “oh nein, bloß nicht wieder in dieses Hamsterrad, wieder so eine lange Anfahrt, wieder keine Zeit mehr zum Leben”. Ich empfinde diesen Konflikt als psychisch sehr anstrengend und zermürbend. Schlussendlich habe ich bisher immer auf meinen Bauchgefühl gehört, aber je mehr Zeit vergeht, desto schwieriger wird es. Ich möchte und muss wieder arbeiten, aber nicht mehr Vollzeit, und nicht mehr in einem Unternehmen, in dem ich als Mensch nichts gelte..
    Wie du schon sagst fällt es auch mir total schwer, einfach in das Leben zu vertrauen, dass sich der passende Platz für mich findet. Je länger diese Phase anhält, desto unruhiger werde ich.. Und mit anderen Menschen zu sprechen ist zwecklos, denn – (du hast sooo Recht!!) – fast alle leben nach demselben Schema, kaum einer stellt den Weg in Frage oder wenn doch, fehlt der Mut auszubrechen. Du kannst wirklich stolz sein, dass du deinen Weg gehst, ich finde das wirklich bewundernswert! Ich kann mir sehr, sehr gut vorstellen, dass ein Leben mit weniger Geld, aber mehr Zeit und einer erfüllenden Aufgabe deutlich mehr Qualität hat. Ich würde sagen, du hast alles richtig gemacht!
    Ich freue mich auf weitere so ehrliche, kluge und durchdachte Beiträge von dir.
    Alles Liebe und Gute.
    Leonie

    • Liebe Leonie,
      so ein schöner Beitrag, vielen Dank dafür! Die Komfortzone ist einfach wahnsinnig gemütlich und der Verstand leider stark genug, um auch ja dort zu bleiben. Ich wäre heute trotz all der Bücher und Inspirationen wahrscheinlich nicht an diesem Punkt, wenn ich nicht Beratungen und Coachings in Anspruch genommen hätte. Sie haben mir sehr dabei geholfen, mich selbst und meine Bedürfnisse besser kennenzulernen. Ich drücke dir die Daumen, dass du eine gute Alternative zu dem aktuell unbefriedigenden Angebot findest!
      Liebe Grüße! Ute

  6. Ich frage mich regelmäßig, ob dieses dem Leben vertrauen wirklich diesen Unterschied ausmacht. Also, bei mir lief das auch so, es ist wie ein Sicherheitsnetz und gleichzeitig wirklich so, wie das manchmal in den Büchern steht, habe ich einen Entschluss in mir gefasst, verfolge den nicht mal richtig intensiv, fügt es sich letztlich. Nein, da gibt es immer noch schlechte Zeiten und Momente, aber im Großen und Ganzen ist mein Leben ein unfassbares Geschenk. Aber läuft das wirklich so? Das ist doch wie Hohn Freunden gegenüber: Du musst nur vertrauen, nur daran glauben? Ich kenne echt ein paar bei denen läuft es richtig kacke, und das geht mir manchmal so nah, weil ich mir wirklich frage: Kann man das echt beeinflussen? Oder ist das nicht einfach auch Zufall? Wir hatten letztens einen kleinen Autounfall. Was wäre gewesen, wenn der andere Fahrer nicht einfach so auf uns drauf gerutscht wäre, sondern bei der Fahrt mit dem Handy telefoniert und später reagiert hätte? Oder mit volle Wucht drauf gefahren wäre, mit 50 oder 55 km/h? Das hätte an der Stelle genauso gut passieren können (v.a. bei den Massen an Menschen, die telefonierend oder SMS schreibend Auto fahren.)

    Mich würden deine Gedanken dazu mal interessieren,
    liebe Grüße aus Bremen
    Nadine

    • Liebe Nadine,

      Du musst unterscheiden zwischen Dingen auf die Du Einfluß nehmen kannst und Dingen, die Du nicht beeinflußen kannst.

      Ute hat schon Recht. Man kann sein Leben steuern indem man seiner inneren Stimme vertraut und dementsprechend handelt. Das bedeutet, dass man sich regelmäßig hinterfragt und überlegt “Wer bin ich?” und “Was will ich?” bzw. “Wie will ich Leben?”

      Das hat aber nichts damit zu tun ob einem ein Dachziegel auf den Kopf fällt, ob man von einem Auto überfahren wird oder eventuell Krebs bekommt. Das ist Schicksal und darauf hast Du keinen Einfluß. Darum ist es müssig sich darüber den Kopf zu zerbrechen.

      Wie Du aber dein Leben lebst und gestaltest, darüber befindest nur Du allein und das Leben lädt dich dazu ein deinen ganz eigenen, persönlichen Weg zu finden. Es gibt Dinge die muss man rational entscheiden und es gibt Dinge da empfiehlt es sich auf das Gefühl zu hören und zu vertrauen.

      Das ist jetzt sehr kurz zusammengefasst, aber so verstehe ich das Leben zumindest im Moment.

      Liebe Grüße
      Hans-Jörg

    • Hallo Nadine,
      finde ich super, dass du dir kritische Gedanken dazu machst! Während des Schreibens des Artikels kam mir auch in den Sinn »Mh, was würden jetzt wohl die 30.000 armen Menschen dazu sagen, die täglich sterben, weil sie nicht genug zu essen haben.« Daher sollte man es vielleicht so sehen: Wenn jeder Mensch eine Bestimmung hier auf der Erde haben sollte, wird er sie wahrscheinlich nicht durch die Meinung anderer, Trends, Werbung oder sonstiger Glaubenssätze finden, sondern sollte sich auf diesen ganz eigenen Weg einlassen können. Wenn du deiner Berufung folgst bzw. deinem Dasein einen wirklichen Sinn verleihen kannst, wirst du mit großer Sicherheit wesentlich zufriedener und wahrscheinlich sogar erfolgreicher sein als die, die sich nur mit den Dingen “im Außen” beschäftigen, nörgeln, jammern usw. Mit einem Unfall oder sonstigem Unglück hat das glaube ich allerdings wenig zu tun, auch das könnte im weitesten Sinne ja eine Art Bestimmung sein. Ich hoffe, das beantwortet deine Frage so in etwa 🙂 Freut mich jedenfalls, dass du auch auf einem guten Weg bist!
      Liebe Grüße, Ute

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